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Schönen Sonntag, Ariadne, die Du den Faden verlieren musst, um ihn wiederzufinden!

· · DE · 7 Min. Lesezeit

Blutmond über Rotterdam
Blutmond über Rotterdam, Juli 2026. Foto: Markus Zohner

Ja, der Schlüsselbund neben der Zahncreme. Er läge noch immer dort, hätte ich ihn nicht doch noch gefunden, um endlich in allergrösster Hast zum Zug zu eilen.

Wir waren bei der brutalen Eigen-Diagnose Selbstboykott, mit der ich mich auf dem Weg zum Bahnhof dann wieder bös kasteit habe (Heute gibts keine Breze vom Brezelkönig!), und bei den vielen Zurufen meiner geschätzten Leser: unordentlich (Ursula), konzentrier Dich mal! (Giovanni), Chaot! (Brigitte), Schlamper! (Mutti).

Gut gut.

Als ich dann im Intercity sass, nach Ewigkeiten der Schnappatmung wieder zu mir kam und den leisen Triumph genoss, trotz (oder wegen) des kurzzeitigen Schlüssel- und damit Orientierungsverlustes wieder auf den Schnellzug des Lebens aufgesprungen zu sein, dämmerte mir, dass da noch andere Kräfte am Werk gewesen sein mussten als die selbstzerstörerischen der englischen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fussball-Weltmeisterschaft.

Die Sache mit dem Schlüssel war so etwas wie ein Spiel mit mir selbst, oder gegen mich. In anderen Worten: Der Schlüssel wird an einen unpassenden Ort gelegt, während ich halb bewusst weiss, dass ich mir selbst eine Herausforderung stelle. Eine Art Falle, die man sich selbst legt: Wird der zukünftige Markus ihn hier finden?

Natürlich geht die erste Frage an Herrn Freud, und der antwortet Erstaunliches. Das brave Kind, von dem er berichtet, hatte eine einzige störende Gewohnheit: alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, in Zimmerecken und unter das Bett zu schleudern, mit einem langgezogenen Laut dazu, den die Umgebung bald zu deuten wusste:

Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z. B. am Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit großem Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o–o–o–o und zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen »Da«. Das war also das komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing.1

Interessant.

Die Spule wird so geworfen, dass das Wiederfinden möglich bleibt, an einem Faden, über den Rand eines Bettchens, dessen Inneres allein der Werfende kontrolliert. Mein Schlüssel neben der Zahnpasta hat zwar keinen Faden, bleibt aber innerhalb der eigenen Wohnung: ein Verlust, inszeniert dort, wo das «Da!» garantiert ist, und die Person, der das Finden geschenkt wird, ist mein zukünftiges Ich.

Freud geht aber noch weiter und erzählt in einer Fussnote, wie das Kind selbst die höchste Form dieses Spiels fand: sich zu dem Ding zu machen, das verschwindet.2

Irgendwann tauche ich aus dem Dunkel des Gotthardtunnels wieder auf, und der Vierwaldstättersee freut sich über die Abendsonne, die über die umliegenden Berggipfel streicht.

Der Schlüssel ist die Spule, klar. O–o–o–o, das Verstecken im Bad, und da ist er ja, neben der Zahncreme! Aber mit wem spiele ich dieses unendliche Spiel, schon mein Leben lang, und gibt es noch interessantere Gründe als das Lustprinzip?

Mein Spielpartner bin ja nicht ich selbst, Masturbation ist wohl nicht der Punkt. Mein zukünftiges Ich ist ein gutes Wesen, ein Freund, den ich gerne in die Irre führe und in Eile durch die Wohnung tapsen sehe.

Doch da ist mehr als nur Lustprinzip und Spieltrieb, da ist auch eine Art von Protest, und irgendeine diffuse Ahnung von Grösse. Dostojewski!

In seinen Aufzeichnungen aus dem Untergrund erzählt er von einem verabschiedeten Beamten, der aus seinem Petersburger Kellerloch gegen die Vernunft anredet: Der Mensch, sagt er, wird immer wieder genau das tun, was ihm schadet, einzig um zu beweisen, dass er frei ist.

«‹Zwei mal zwei ist vier›, das ist ja kein Leben mehr, meine Herren, sondern der Anfang des Todes.»3

Frei sein. Frei, und keine Klaviertaste, auf der die Naturgesetze ihre Etüden spielen.

Und den Schlüssel am Schlüsselbrett zu finden ist das Tor zur Vorhölle.

Ganz herzlich,
eine wunderbare Woche!
Markus


Quellen

  1. Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips, Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig/Wien/Zürich 1920, Kap. II, hier S. 11 f. (= Gesammelte Werke, Bd. XIII). Zitat in der Originalschreibung von 1920.
  2. Ebd., S. 12, Fussnote: «Als eines Tages die Mutter über viele Stunden abwesend gewesen war, wurde sie beim Wiederkommen mit der Mitteilung begrüßt: Bebi o–o–o–o! [...] Es ergab sich aber bald, daß das Kind während dieses langen Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, sich selbst verschwinden zu lassen. Es hatte sein Bild in dem fast bis zum Boden reichenden Standspiegel entdeckt und sich dann niedergekauert, so daß das Spiegelbild »fort« war.»
  3. Fjodor M. Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Untergrund (1864), Erster Teil, Kap. IX, in der Übersetzung von Hermann Röhl (1921); die Klaviertaste in Kap. VII und VIII.

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Hier ein Anhang zu unserem vollständigen Hundstage-Leitfaden, ergänzt aus eigener Erfahrung:

  • Rette Dich in Richtung Norden! Während das Tessin in der Bratpfanne der südlichen Alpen schmort, haben wir das Weite gesucht und haben mit Zug und Schiff einige Breitengrade gen Norden überschritten. Wir sind zwar der infernalischen Hitze Luganos (heute: 36°) entkommen und konzentrieren uns in Südengland bei coolen 25° auf die Gegenwart. Aber auch hier bricht das Klima zusammen: Südengland hat im Juli nur 1% der sonst durchschnittlichen Regenmenge erhalten.4 Seit acht Wochen hat es nicht mehr geregnet; die Blätter hängen schlapp an den Bäumen, Gras ist verdörrt und die Bewässerungsreserven gehen zur Neige. Heidelandschaften brennen. Die Regierung hat den Notstand ausgerufen. Diagnose: Dürre.

4 · Environment Agency: Drought declared in half of England, Pressemitteilung, 29. Juli 2026: England erhielt im Juli nur 7% der üblichen Regenmenge, Südengland 1%.


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Wehende Zeit

ZEIT.... Eines meiner innersten Themen. Ja, du hast Recht, manchmal weht sie; dann verrinnt, dann rast sie, dann steht sie und verdichtet sich zur Ewigkeit. Ist sie das Leben selbst? Zumindest ist sie einer seiner Parameter. Und immer ist ihr der Raum immanent! Einmal stand ich in der Sandwüste: Ein blauer Himmel berührt am Horizont die völlig ebene Erdoberfläche, bedeckt von weißem Sand, gleißend in der Nachmittagssonne. Sonst nichts. Ich stehe und schaue. Nach einer Weile beginnt der Horizont zu pulsieren. Er zieht sich zusammen bis zu meinem „Standpunkt“, er dehnt sich aus ins Unendliche. Immer wieder. Das verändert meine Wahrnehmung, dann mein Bewusstsein. Der Raum wird zeitlich. RAUMZEIT-ZEITRAUM. Ich verstand plötzlich Hegel und seinen Satz von der Unendlichkeit der Punktualität.

Christine


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