Wehende Zeit
Nach ein paar Wochen Stille ein langer Brief über die Zeit, die als Brise und als Wirbelsturm daherkommt: die neue Webseite zohner.com, die Brücke von Narva, der Schreibkurs in der Villa Ciani, die Tate Modern, Bia Ferreira in Lugano, Baccalà in Avignon.
Manchmal scheint es, die Zeit selbst sei das Leben. Eine Art Wind, der vorbeiweht und alles verwandelt.
Das grösste Glück ist vielleicht diese Art von frühsommerlicher Brise, man spürt die laue Luft am Körper, sieht Blätter, Zweige sich leicht bewegen, diese Zeit, die beständig an einem vorbeistreicht und in wohlwollender Langsamkeit die Welt, Menschen, Geister, Tiere und all das Innere verwandelt, nicht unbedingt zum Besseren, doch die Wandlung geht scheinbar langsam vor sich, und das allein ist schon der Trost.
Ich bin froh, den Tornados der letzten Monate für einen Moment entkommen zu sein, den Windhosen, in denen die schiere Masse der Zeit sich verdichtet und unvorstellbare Kräfte entwickelt. Mit unerhörter Wucht wirbelt sie das Leben durcheinander, innere und äussere Welten sind kaum mehr zu unterscheiden, und die nur schwer zu fassende Beschleunigung nimmt einem den Atem zum Reflektieren. Ans Schreiben ist gar nicht zu denken.
Womit wir bei diesem Brief angelangt wären, der mich endlich zwingt, mit Kraft diesen Wirbel anzuhalten und die wichtigsten Dinge in der morgendlichen Frühsommerbrise auseinanderzuzwirbeln.
Ich weiss nicht, ob Du sie schon gesehen hast.
Sicher bin ich nicht, dass ich das Projekt angegangen wäre, wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt. Seit den dunklen Wintermonaten des vergangenen Jahres bis weit in diesen Frühling hinein habe ich mit meinen Mitarbeitern die Webseite zohner.com von Grund auf neu konzipiert, geschrieben und gestaltet.
Was vorher seit vielen Jahren auf Wordpress- (Website) und Ghost-Content-Management-Systemen auf Datenbanken verschiedener Server vor allem in den USA lief, ist jetzt eine vollständig in HTML geschriebene Seite. Keine Datenbank, keine Plug-ins, keine Komplikationen, HTML ist reiner Text. Jede Seite eine (statische, also nicht im Moment des Aufrufs generierte) Seite. Das Einkaufs-System ist massgeschneidert, ein Buch zum Beispiel kann jetzt mit nur einem Klick vollkommen sicher und über einen europäischen Zahlungsdienstleister (statt vorher Stripe oder Paypal in den USA) bestellt werden (probiers hier aus!), Kurseinschreibungen funktionieren auf Knopfdruck.
Trotz des schieren Umfangs hat sich das Projekt gelohnt, die neue Seite hat unzählige Vorteile: Sie ist unendlich schnell, benötigt keine technischen Updates (Wordpress zum Beispiel hat alle paar Monate ein Update herausgebracht, dazu noch die dreissig Plugins, die ständig aktualisiert werden mussten), was die technische Pflege der neuen Seite um 95% reduziert. Sie ist modular aufgebaut: eine neue Vorstellung, ein neuer Kurs, ein neues Buch: sie werden einfach eine neue Seite. Suchmaschinen finden alles, sofort. Sie ist vollständig dreisprachig D/I/E. Und, ein weiterer sensationeller Riesenschritt: Blog und Newsletter sind völlig in die Seite integriert: jeder Brief wird ein Blogpost, und dieser wird dann an die Abonnenten verschickt. Keine Trennung von Website und Blog mehr, keine Trennung von Blog und Newsletter mehr. Auch das Kompagnon-Programm, durch das Reisegefährten an meinen Projekten teilhaben und sie unterstützen können, ist in der neuen Seite verankert.
Das Ganze läuft auf einem Server in Deutschland, mit einem zweiten in Finnland, der für Sicherheit und Backup zuständig ist und die Zugänge zu den Systemen über verschiedenste Tunnels und Firewalls so einschränkt, dass nur bestimmte Computer mit bestimmten Schlüsseln Zugriff erhalten.
Wie Pippi Langstrumpf so schön sagt: Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!
Vor ein paar Jahren bin ich ja von Venedig nach St. Petersburg zu Fuss gegangen. Harte Zeitstürme sind inzwischen über Europa gefegt und haben es umgegraben. Längst kann man Kaliningrad nicht mehr einfach durchwandern, und über die Brücke über den Fluss Narva, die Narva in Estland und Iwangorod in Russland miteinander verbindet, kommt man zwar noch hinüber, allerdings nur tagsüber (andererseits: wer wollte schon nachts nach Russland marschieren), und nach stundenlangem Anstehen im Niemandsland. Hier gehts zur Sommerlektüre: Die Wiederentdeckung der Bernsteinstrasse
Eine Minute zum KursIn drei Wochen beginnt der neue Intensivkurs für kreatives Schreiben in Lugano! Wenn Italienisch Deine Sprache ist bzw. Du gut auf Italienisch schreiben kannst: es sind noch ein paar Plätze frei. Zauberhafte Umgebung, intensive kreative Arbeit.
Für alle, die am Schreiben interessiert sind, habe ich mit meinen Leuten ein Geschenk vorbereitet. Zunächst auf Italienisch, die deutsche Version ist in Arbeit: Il Quaderno. Du sagst mir, wovon Du träumst, zu schreiben, und ich schicke Dir eine massgeschneiderte Schreibübung; Du schickst mir Deinen Text, und bekommst Feedback von mir. Kostenlos natürlich. Die italienische Version ist fertig, die deutsche kommt in Kürze. Noch einen kleinen Moment Geduld bitte. Neben Arbeit braucht das alles ja … Zeit.
The Shoal, Stratford. Photo: MZIm Mai: London. Zusammen mit meinem Bruder und meinem Freund Adel war ich seit über einem Jahr für den Hackney Half Marathon eingeschrieben. Allerdings wusste ich schon vor der Abreise nach England, dass mein Knie einen Start nicht zulassen würde. Trotz- oder deswegen eine wunderbare Woche in London: Ausstellungen, Theater, lange Gespräche.
Meinen Compagnons erzähle ich von Giacometti in den Tanks der Tate Modern, von Tracey Emins A Second Life und Abbas Zahedis Klanginstallation Begin Again, in der das Gebäude selbst zum Instrument wird, von Hurvin Andersons Malerei in der Tate Britain. Mit schönen Bildern, ist klar.
Belgien, im Juni: Heftige Diskussion mit einem Kollegen über die Frage: sind alle Meinungen gleich viel wert? Wir sind richtig aneinandergeraten; ich habe eine Meinung geäussert und vertreten, seine Antwort war immer wieder: Ja, das ist Deine Meinung. Aber das heisst noch lange nicht, dass sie richtig ist. Es gibt da ja viele verschiedene Meinungen zu dem Thema! Und so weiter. Ich bin selten in einer Diskussion so fuchtig geworden. Wie siehst Du das?
Diese Woche habe ich ein sensationelles Konzert hier in Lugano erlebt: die brasilianische Artivistin Bia Ferreira hat einen Einblick in ihr musikalisches Schaffen gegeben, in ihre Arbeit als Künstlerin und Militante Antirassistin. Kraft, Schönheit, Liebe, und ihr Kampf für etwas Besseres als das, was uns die Herrschaften zur Zeit zu servieren versuchen. Your silence is part of the violence.
Wenn Du ihrer irgendwo habhaft werden kannst, besorg Dir ein Ticket und such sie auf!
Traurig, kalt und dröge allerdings war der Konzertsaal, der dieses zugleich zerbrechliche und kämpferische Wesen für einen Augenblick eingefangen hat. Es war ja auch kein Saal, sondern der Innenhof des berüchtigten LAC in Lugano, en plein air. LAC kommt in diesem Fall vom Sanskrit lākṣā (लाक्षा). Es mutiert zum Prakrit- beziehungsweise Hindi-Wort lākh, wandert ins Persische als lāk, ins Arabische als lakk, taucht im mittelalterlichen Latein als lacca auf und wird im Italienischen, bekanntermassen ein kleinerer Dialekt des Lateinischen, als lacca übernommen. Genau so war die Örtlichkeit: betoniert, versiegelt, aller Atem der Natur erstickt. Kein Grashalm, nicht einmal irgendein Giersch, Ackerwinde oder Ackerschachtelhalm findet einen Spalt, dem Dunkel zu entkommen. Inmitten dieser lackierten Schreckenswüste landet dieser Engel der Igreja Lesbiteriana, der lesbitanischen Kirche, und kündet mit schier unglaublicher Stimme und Virtuosität von der Liebe, von der Notwendigkeit der Weichheit und vom Lächeln, das den ganzen Tag eines Menschen zu retten imstande ist. Wie immer waren die Worte und die Gesänge so viel grösser und stärker als die sie umgebenden Mauern, die ja einstürzen werden, noch bevor die letzte Note verklungen ist.
Neukaledonien.Unsere Freunde von Baccalà Theater sind Ende Mai von einem kurzen Gastspiel aus Neukaledonien zurückgekommen. Ich musste erst nachschauen: Neukaledonien ist ziemlich genau am anderen Ende der Welt, weiter noch als Australien und verlorener als Neuseeland.
Pss Pss, Théâtre des Lucioles, Avignon.Gestern hat ihr dreiwöchiger Auftritt am Off-Festival in Avignon begonnen. Falls Du gerade irgendwo in Südfrankreich bist: ihr Stück Pss Pss läuft noch bis zum 25. Juli im Théâtre des Lucioles, jeden Abend um 20h15.
Vielleicht ist tatsächlich die Zeit das Leben, und nichts anderes. Diese ganze Wandlung, die manchmal als Hauch, als Brise daherkommt und dann als Wirbelsturm, diese Winde, die alles verändern, sind das, was wir als Leben wahrnehmen. Oder besser: die Zeit ist der Multiplikator des Lebens. Ist sie erlebnistechnisch eine Variable? Mit Sicherheit. Und setzen wir sie auf null, bricht die Gleichung zusammen.
Einen schönen Sommer, bis bald im Theater!
Markus
Lugano, Juli 2026