Reisebuch · Petruska Editions
Die Wiederentdeckung der Bernsteinstraße
Zu Fuß von Venedig nach Sankt Petersburg. 4.000 Kilometer durch zwölf Länder im Herzen Europas.
Am 16. Dezember 2008 bin ich in Venedig aufgebrochen, den Rucksack auf dem Rücken. Dabei eine Mamiya 7II Mittelformat-Film- und eine Zeiss Ikon Kleinbildkamera. Neun Monate später Ankunft im Bernsteinzimmer im Katharinenpalast in Puschkin / St. Petersburg. Dazwischen: viertausend Kilometer zu Fuß, zwölf Länder, eine Festnahme, ein verhinderter Raubüberfall, und einer der kältesten Winter, an den sich Mitteleuropa erinnert. Wanderungen über Pässe, an Flüssen entlang, durch Wälder, auf Landstrassen, und immer wieder Begegnungen, die mir bis heute geblieben sind.
Dieses Buch erzählt von dieser Wanderung. Eine Reiseerzählung, die Bedeutung von Bernstein durch die Jahrhunderte und die jahrtausendealte Geschichte der Bernsteinstraße. Hunderte Fotografien in Schwarzweiß und in Farbe, Karten, und die Begegnung mit dem grossen tschechischen Reisenden Miroslav Zikmund.
Die Idee zu dieser Reise entstand, wie meist bei derartigen Unternehmungen, aus einem Traum. Allein, aus eigener Kraft und nur für sich selbst verantwortlich, weit zu gehen. Oft werde ich gefragt: „Warum haben Sie das gemacht?“ oder: „Was war der wirkliche Grund Ihres Aufbruchs?“ Wenn ich ganz ehrlich sein soll, weiß ich es nicht. Außer, dass es eben diesen Traum gab, der immer klarer und präsenter geworden ist, und der, je mehr ich mich mit den einzelnen Ländern, mit der Bernsteinstraße und ihrer Geschichte beschäftigt habe, immer konkretere Formen angenommen hat.
Häufig haben Menschen, denen ich begegnet bin, gesagt: „So etwas würde ich auch gerne realisieren!“ Auf meine Rückfrage, wo das Problem sei, gehen könne ja so gut wie jeder, kamen tausend Antworten. Die Familie, die Arbeit, das Haus, der Betrieb, das Alter, und was nicht alles. Und so manches Mal habe ich mich dann gefragt, ob wir nicht arbeiten, Häuser kaufen und Lebensversicherungen abbezahlen, damit wir unsere Träume nicht verwirklichen müssen.
Ich war nicht allein. Ein Team hinter den Kulissen hat geholfen, aber auch eine Welt voller hilfsbereiter, freundlicher und im besten Sinne neugieriger Menschen hat mich aufgenommen. Ich hatte mich in den Bergen vor Štramberk in Mähren kurz vor Einbruch der Dunkelheit im Tiefschnee verlaufen. Endlich ein sichtbarer Weg. Ein Hund, bald darauf sein Herr. „Ist das die Richtung nach Štramberk?“ „Ja. Gehen wir zusammen!“
Je mobiler wir werden, desto weniger reisen wir. Je mehr wir die Welt durchhasten, desto mehr entzieht sie sich uns.
Vor ein paar Jahren fand ich mich in Isfahan wieder, in einer Welt, die so vollkommen anders war als unsere, dass es Momente gab, in denen ich meinte zu träumen. Die Moscheen, der Markt, die Cafés, die Geschäfte und Händler schienen der Phantasie eines fremden Menschen entsprungen zu sein, der sich an verschwundene Welten erinnert. Ich befand mich in einer anderen Zeit, in einer anderen Wirklichkeit, in einem anderen Leben.
Ich war mit dem Flugzeug aus Teheran gekommen, war durch die Moscheen gewandelt, über den Markt gestreift, und als ich jetzt in einem Café saß, wo mir gegenüber ein junges Paar bei Wasserpfeife turtelte und sich gegenseitig Zuckerstückchen in die kleinen Tegläser klingeln ließ, merkte ich, dass mir etwas entscheidendes fehlte: Der Weg hierher. Es ging nicht darum, die Orte der Träume zu sehen, sondern darum, wie dorthinzugelangen. Indem ich nach Isfahan geflogen war, hatte ich mir das Wertvollste genommen.
Alle Welt ist mobil, aber zu reisen verstehen wir nicht mehr. Was uns als Reisen verkauft wird, ist in Wirklichkeit das Gegenteil: So bequem wie möglich soll es sein, und so schnell wie nur irgend zulässig muss es gehen. Die Autos werden größer, blenden die Welt aus, so gut es geht, Head-up Displays, die eine elektronisch aufbereitete Landschaft auf die Windschutzscheibe spiegeln, ersetzen gar den Blick des Fahrers auf die wirkliche Umgebung, durch die er sich bewegt.
Gehen ist Fortbewegung. Ist Meditation. Ist das Gleichgewicht Verlieren und Sich-wieder-Auffangen. Ist Taumeln. Ist Sehen, Riechen, Spüren. Ist Entdecken, ist Erinnern und Vergessen. Ist Lernen und ist Atmen. Ist Schwitzen. Ist Angst Haben und froh Sein, etwas zu Essen zu bekommen. Ist Frieren, ist Stolpern. Ist Anhalten.
Und, das Unglaublichste: Gehen ist Ankommen. aus dem Vorwort
In seinen Metamorphosen beschreibt Ovid das „Gold“ aus dem damals fernen Norden Europas in der Szene von Phaetons Ende. Phaeton, Sohn des Sonnengottes Helios, verliert bei einem Ausritt die Kontrolle über den Sonnenwagen und bringt die Himmelsordnung durcheinander. Zeus schleudert einen Blitz nach ihm, und Phaeton stürzt in den Fluss Eridanos. Die Tränen seiner Schwestern, der Heliaden, verwandeln sich in Bernstein.
Bernstein gab der wichtigsten Nord-Süd Handelsverbindung Europas den Namen. Mehrere Routen verbanden die Ostsee mit dem Mittelmeer. Der Handel an der Bernsteinstraße begann bereits lange vor den Römern; schon in der Bronzezeit war Bernstein neben Salz und Rohmetall eines der begehrtesten Handelsgüter. Beim heutigen Wrocław (Breslau) entdeckte man einen 3.000 Jahre alten Bernsteinspeicher mit 500 Kilo Bernstein.
Die Zeit der Römer bildete den Höhepunkt des Bernsteinhandels. Schon Plinius berichtete von einer Expedition im Auftrag Neros vom Legionslager Carnuntum an die Bernsteinküste. Carnuntum war einer der wichtigsten Umschlagplätze für Bernstein zwischen dem Römischen Reich und dem Norden. Die Bernsteinstraße war eine große europäische Handelsachse, die in ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung durchaus mit der Seidenstraße verglichen werden kann.
Mit seiner kulturellen Bedeutung und Vielfalt und einer 4.000 km langen Kette von Kunst- und Kulturschätzen stellt die Bernsteinstraße einen Erlebensraum von Weltrang dar. Ihre Entdeckung hat gerade erst begonnen.
Das Leben ist wie eine Gaunerin, die wir um jeden Preis lieben wollen, und der wir schlussendlich alles gewähren, was sie von uns fordert, unter der Bedingung, dass sie uns nur ja nicht verlässt. Giacomo Casanova, Die Flucht aus den Bleikammern · Epigraf zum Kapitel Italien