Schönen Sonntag, Penelope, die Du nachts auftrennst, was Du am Tag gewoben hast!
Questa lettera in italiano · This letter in English
Heute früh war ich ein wenig zu spät dran. Wenn ich mich sputete, würde ich den Zug noch erwischen. Doch als ich aus dem Haus gehen wollte, wurde ich jäh gestoppt: der Hausschlüssel hing nicht an seinem Haken an der Tür. Verzweifelte Suche, in kopflosem Laufschritt durch die Wohnung. Plötzlich die Eingebung: Schau im Badezimmer nach! Tatsächlich lag er neben der Zahncreme. Ein selbstzufriedenes, triumphierendes Lächeln, los zum Bahnhof!
Immer wieder mal suche ich irgendein vitales Objekt: Telefon, Geldbeutel, Ladegerät für die Kamera. Diese Dinge haben eigentlich ihre angestammten Plätze, aber es kommt vor, dass ich beim Hinausgehen ins Leere greife, und eine schnelle, mehr oder weniger hastige Suche beginnt.
Es ist ja nicht so, dass ich erst seit gestern versuche, Ordnung in mein Leben zu bringen. Die goldene Regel ist mir seit einem halben Jahrhundert klar: Leg die Dinge einfach immer an denselben Platz. Ist das denn so schwer? Einfach. An. Denselben. Platz.
Aber warum finde ich dann immer mal wieder (nicht immer!) den Schlüsselbund neben der Obstschüssel auf dem Küchentisch, im Bad neben den Zahnpastatuben oder auf Herzog von Saul Bellow auf der Kommode neben dem Bett?
In was für einer Art geistiger Umnachtung habe ich ihn bloss unter das Kissen auf der Couch gelegt?
Lange habe ich mich, auf der Suche nach dem richtigen Kabel oder dem Fahrradschlüssel, mit der Brutalität gegen uns selbst, die uns Menschen eigen ist, ausgepeitscht: Du boykottierst dich und dein Leben! und Warum provozierst du immer wieder dein eigenes Scheitern!?.
Am Mittwoch hatte ich das Glück, das Halbfinal-Fussballspiel England gegen Argentinien zu sehen. Es war eines der wenigen Spiele dieser in einem Meer von Geldgier und Korruption untergehenden Fussball-Weltmeisterschaft der Männer, das mir mit seinem Ausgang den Schlaf geraubt hat, meine Güte! England dominiert die ersten 54 Minuten, Anthony Gordon schiesst völlig verdient das 1:0, die Mannschaft ist auf dem besten Weg zum Finale dieser WM und hat damit die Chance auf den ersten Weltmeistertitel seit 60 Jahren. Sie verliert aber mit diesem Tor vollkommen den Boden unter den Füssen. Die Mannschaft bricht vollständig zusammen, zwischen dem 1:0 und dem 1:2 hat sie über 37 Minuten hinweg nur noch irrwitzige 12% Ballbesitz. Die Spieler lassen plötzlich den besten Fussballer aller Zeiten völlig ungestört walten, und Lionel Messi hat keine Schwierigkeit, mit zwei Zauberpässen erst das 1:1 und dann das tödliche 1:2 vorzubereiten. England kollabiert, der Traum vom Weltmeistertitel zerplatzt wie eine Seifenblase. Nichts bleibt als ein Spiel um den dritten Platz gegen Frankreich. Genau sechzig Jahre sind jetzt vergangen (1966), seit England den einzigen Weltmeistertitel in der Geschichte des Männerfussballs gewonnen hat. England hat seinen Selbstboykott im Spiel gegen Frankreich um den dritten Platz am Samstag übrigens wiederholt: In der ersten Halbzeit konnte die Mannschaft einen unwahrscheinlichen Vier-Tore-Vorsprung (!) herausspielen (4:0), um dann in der 2. Halbzeit vier (!!) Gegentore zu kassieren. Glücklicherweise konnten sie noch zwei schiessen zum Endstand 6:4. Der französische Stürmer Kylian Mbappé hat in einer Trinkpause der 2. Halbzeit dem englischen Trainer Thomas Tuchel süffisant die Frage zugerufen, ob England gedanklich noch in der Kabine sei.3
Ich habe mich immer gefragt, woher der Aberglaube (oder besser: die Gewissheit) kommt, dass auf eine verkorkste Generalprobe eine erfolgreiche Première folgen wird. Oder worauf das Phänomen beruht, dass die auf eine erfolgreiche Première folgenden Vorstellungen meist weniger zünden als die erste.
Bislang hatte ich mir das mit der besonderen Stimmung der Première erklärt oder dem erhöhten Adrenalinfluss. Doch die Antwort ist anscheinend sowohl einfacher als auch komplexer. Thomas Tuchel, der deutsche Trainer der Engländer, hat nach dem Argentinien-Spiel gesagt, seine Mannschaft habe nach dem Führungstor plötzlich mit dem Gefühl auf dem Platz agiert, etwas zu verlieren zu haben.1 Das klingt zunächst banal, ist aber wohl ein Schlüssel zu diesem Phänomen.
Dieser Mechanismus, der sowohl das Individuum angeht als auch die Gruppe, das Team, die Mannschaft, vollzieht sich in drei Schritten.
- Erstens können Menschen ein Resultat nur gegenüber einem Referenzpunkt bewerten (der ständig aktualisiert wird). Im Moment, in dem das Führungstor fällt, oder in dem das Publikum nach der Première stehende Ovationen schenkt, wird dieser Punkt der neue Referenz- oder Nullpunkt.
- Zweitens wird, was auf diesen neuen Referenzpunkt folgt, als möglicher Verlust gewertet. Verluste wiegen, folgt man der Neuen Erwartungstheorie (Prospect Theory) des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman und seines Forschungspartners Amos Tversky2, für Menschen ungefähr doppelt so schwer wie gleich grosse Gewinne.
- Drittens: Der neue Referenzpunkt ist also ein Zustand, der verteidigt werden muss, und ein Mensch oder ein Team, das verteidigt, spielt vorsichtig, defensiv, rückwärtsgerichtet. Das Glück der erfolgreichen Première will, wie das Führungstor in der 55. Minute im Halbfinale der WM, verteidigt sein. Verteidigung schafft keine schauspielerischen Höhepunkte und schiesst keine weiteren Tore. Ist die Generalprobe gestern aber schiefgegangen, schuldet niemand niemandem etwas. Am Abend der Première bist Du dann wie Argentinien im Rückstand: Du kannst nur gewinnen.
Und mein verlorener Schlüssel neben der Zahncreme?
Sag Du mir, wie Du das einschätzt!
Ganz herzlich,
eine wunderbare Woche!
Markus
Quellen
- Thomas Tuchel, zitiert nach: Sven Haist: »Englands WM-Aus: Ein Kollaps von fußballhistorischer Dimension«, Süddeutsche Zeitung, 16. Juli 2026.
- Daniel Kahneman und Amos Tversky: Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk, in: Econometrica, Bd. 47, Nr. 2 (1979), S. 263-291, hier S. 279 („losses loom larger than gains“). Der Faktor rund zwei: Amos Tversky und Daniel Kahneman: Advances in Prospect Theory, in: Journal of Risk and Uncertainty, Bd. 5 (1992), S. 297-323, hier S. 311 (Median 2,25).
- »Englands dritter Platz bei der WM: Die Bronzemedaille kommt nach Hause«, Süddeutsche Zeitung, 19. Juli 2026.
Kompagnon
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Der vollständige Hundstage-Leitfaden
Zum Hundstage-Leitfaden: wir vervollständigen ihn gerne mit diesen Punkten.
Saubere (!) Socken in den Kühlschrank legen und vor dem Zubettgehen anziehen. Quelle: italienischer Radiosender. Ich habe es noch nicht ausprobiert.
Paola
Die Hundstage betreffen auch die Hunde: Ich finde, sie gehören bei dieser Hitze nur früh am Morgen und am Abend auf die Strasse; über den glühenden Asphalt könnten wir ja auch nicht barfuss gehen. Häufig zu trinken geben, Schatten. Canicola heisst nicht umsonst kleiner Hund.
Patrizia
Wehende Zeit
Je grundsätzlicher die andere Meinung unseren zentralen Werte (mit denen ja die innerste Identität verwoben ist) widerspricht umso schwerer ist es, sie zu ertragen oder gar gelten zu lassen- sie scheint uns existentiell zu bedrohen. Wir können uns ja eigentlich nur solange austauschen, als wir in der Lage sind, den Standpunkt des Anderen nachzuvollziehen. Dazu müssen wir den eigenen Standpunkt kurz verlassen. Das können wir nur, wenn wir uns seiner sicher sind. Ich versuche, das so oft wie möglich zu üben und finde es sehr schwer...
Christine