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Avignon 2026

Ein Interview mit der Compagnia Baccalà

· · DE · 8 Min. Lesezeit

Dieser Brief ist eine Übersetzung des italienischen Originals · This letter in English

Camilla Pessi im Handstand auf der Hand von Simone Fassari vor der Pont d'Avignon
Camilla Pessi und Simone Fassari vor der Pont d'Avignon, Juli 2011. Foto: Compagnia Baccalà

Schönen Sonntag, Baubo, die Du sogar die trauernde Demeter zum Lachen bringst!

Mit Camilla Pessi und Simone Fassari haben sich unsere Wege mehr als einmal gekreuzt. Sie sind zwei sanfte Seelen, die durch die Welt wandern: Mit ihren Stücken Pss Pss und Oh Oh verzaubern sie das Publikum in ganz Europa und in Übersee. Pss Pss wurde auf fünf Kontinenten in 53 Ländern mehr als tausendmal gespielt und hat dabei fünfzehn internationale Preise gesammelt.

Zurzeit versuche ich, ein paar Augenblicke der Begegnung mit Camilla und Simone im Tessin zu erhaschen, um gemeinsam ein neues Projekt zu entwickeln. Ein Projekt, das bisher weder Namen noch Struktur hat und das, wie alle kreativen Projekte, bevor die ersten Worte geschrieben und die ersten Handlungen getan sind, allein in der Welt der Träume existiert.

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Briefe aus dem Studio

Ein Brief, wenn es etwas zu erzählen gibt. Theater, Reisen, Schreiben, Gehen, Kunst.

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Unsere Compagnie, die Markus Zohner Arts Company, war 1992 zu Gast im Théâtre du Chien qui Fume. Wir zeigten PALPITATION, Grand Opera der Leidenschaften, ein Stück ohne Worte in der Regie von Alessandro Marchetti.

Umschlag des Programmhefts von PALPITATION des Duos Partner & Partner, Theater Compagnie Markus Zohner, 1987: die beiden Figuren in Schwarzweiss, der Titel in Rot
PALPITATION, das Programmheft, 1987.

Eine einzigartige Erfahrung, fabelhaft, ja, aber auch beklemmend: Wir spielten jeden Abend, vier Wochen lang. Vierundzwanzig Vorstellungen hintereinander, nur der Montag frei. Das Publikum begeistert, stehende Ovationen kurz und schmerzlos, denn das Theater musste für die nächste Compagnie geleert werden, und die Leute wollten zu einem anderen Stück in einem anderen Theater eilen.

Ich erinnere mich an eine infernalische Hitze, an unzählige Mücken in dem kleinen Zimmer mit den braunen Wänden, das wir für jenen Monat zum Wohnen gemietet hatten, und an diese Masse von Bühnenkünstlern, die Tag und Nacht versuchten, Publikum anzulocken und die Menschen mit mehr oder weniger Erfolg zu überzeugen, ihr Theater, ihre Vorstellung zu füllen.

Wir hatten das Glück, im Théâtre du Chien qui Fume1 zu spielen, einem richtigen Theater mit 196 Plätzen: Für die Zeit des Festival OFF wird jede Garage, jeder erdenkliche Raum Theater genannt und stundenweise an hungrige Künstler vermietet. Wir hatten eine Viertelstunde zum Aufbauen, eine Viertelstunde zum Abbauen.

Viele idyllische Träume eines Berufsanfängers sind in jener intensiven Zeit zersplittert, aber wenn ich zurückblicke, sehe ich, dass sich die Splitter in der Hitze der Arbeit zu etwas viel Soliderem zusammengefügt haben: In Avignon habe ich Professionalität gelernt.
Der Traum, Theatermensch zu sein, in tausend Stücke zerschlagen, hat in mir das Handwerk des Theatermenschen geformt.


Interview mit Simone Fassari von der Compagnia Baccalà

1. Avignon, dieses Mal.

Wie oft wart Ihr schon in Avignon? Wann war das erste Mal? Ihr selbst habt Euch sicherlich verändert, aber spürt Ihr, dass sich auch dort draussen etwas verändert hat: in der Atmosphäre, in den Stücken, in ihrer Qualität, in ihren Inhalten?

Das erste Mal war 2011. Es kommt mir vor wie gestern und zugleich, als lägen eine Million Leben dazwischen. Dann 2013, 2015, 2018 mit Oh Oh, 2025, und jetzt wieder.
«Alt, aber gut», hat mir gerade ein befreundeter Clown gesagt: Ihr seid wie guter Wein.
Mein Empfinden ist immer dasselbe. Konzentration. Angst, nicht unser Bestes geben zu können: Und wenn es nicht funktioniert? Und wenn niemand kommt?
Es gibt sie, die Veränderung, und sie ist ziemlich beschämend. Ich sehe die grassierende Gleichgültigkeit, den explosiven Egoismus und den Drang, gesehen zu werden, aber nicht wirklich gehört. Viele Aufrufe auf Instagram geben an der Bar mehr zu reden als ein voller Saal.
Die Stadt Avignon beschliesst aus ökologischen Gründen, die Plakate und Flyer in der Stadt um 70 Prozent zu reduzieren. Sie schreibt jeder Compagnie ein Kontingent vor, die Plakate müssen also die Bewilligungsvignette tragen. Aber den Verkauf von Plastikflaschen reduziert sie nicht, für die Abfalltrennung sensibilisiert sie niemanden, und so weiter und so fort.
Mich persönlich macht es traurig, dass die Poesie der allgegenwärtigen Plakate verloren gegangen ist. Das war der aufrichtige und faire Wettstreit der Compagnien. Für mich waren sie Millionen von Blumen, die aufblühten und darauf warteten, gepflückt zu werden.

2. Die Insel und die Welt.

Euer Stück ist clownesk, ein Stück ausserhalb der Zeit, eines, das nicht von der Politik abhängt, nicht von den Kriegen, nicht von den Themen, die draussen dominieren: Es ist wie eine Insel in der Welt. Wie geht Ihr als Menschen damit um? Berühren Euch die Probleme der Welt in dieser Zeit? Oder fühlt Ihr Euch eher wie in einer Kapsel, in der Ihr versucht, das Stück vorzubereiten, am Abend bereit zu sein, Euch zu konzentrieren, die Unwetter draussen zu halten, um Euch ganz dem widmen zu können, was Ihr tut?

Das ist ein sehr wichtiges Thema für mich: Ich leide sehr darunter und bin innerlich in alles verstrickt, was in der Welt geschieht. Die palästinensische Frage zum Beispiel zerreisst mich: Ich fühle mich wehr-, hilf- und nutzlos, und ich möchte mehr tun.
Wir versuchen, mit unserem Stück etwas Menschliches zu geben, und ich glaube, das ist unsere Rolle in der Gesellschaft. Liebe geben, Menschlichkeit, Freude, die Menschen in einer anderen Realität, in der Realität der Poesie zu berühren.
Viele Male habe ich daran gedacht (noch heute!), nach unserem Stück die palästinensische Flagge zu zeigen oder einen Post auf Instagram zu machen, aber ich habe nicht den Mut dazu, aus zwei Gründen: 1) es würde die Blase zum Platzen bringen, die wir geschaffen haben; 2) Camilla würde es nicht tun, und nicht etwa, weil es ihr nicht am Herzen läge. Sie versucht, über allem zu stehen, die hässlichen Dinge nicht an sich herankommen zu lassen, um nur schöne Dinge geben zu können.
Was ich tue, tue ich privat: Demonstrationen, Social Media unter meinem eigenen Namen, ich spende Geld an Organisationen, die sich dieser Dinge annehmen.

3. Künstler und der Ruf des Platzes.

Wie geht Ihr damit um, einerseits Künstler zu sein, andererseits Euch mit Marketing abgeben zu müssen?
Zu Zeiten von PALPITATION (Uraufführung 1987 in Luzern, 1992 in Avignon) war das für mich eines der grössten Probleme. Das Theater, das wir am Abend machten, war für mich ein heiliger Raum. Als unsere Agentur uns bat, verkleidet durch die Strassen zu ziehen und Flugblätter zu verteilen, weigerte ich mich am Ende. Wir waren nicht dazu verpflichtet, und es war kein Drama, aber für mich blieb es schwierig.
Wie macht Ihr das? Müsst Ihr herumziehen und Aufmerksamkeit schaffen für die Vorstellung des Abends, oder gelingt es Euch, Euch von all dem zu lösen: ins Theater gehen, die Technik kontrollieren, sich vergewissern, dass die Elemente für die Akrobatik sicher sind, und dann los?

Flyer zu verteilen ist das Peinlichste, Anstrengendste und Frustrierendste in meinem Künstlerleben!!!!
Ich erinnere mich, dass wir beim ersten Mal schockiert waren von diesem dröhnenden, gewaltigen Karneval: Wir fühlten uns wie Schneeflocken, die im Juli auf dem Asphalt von Avignon landen!
Dann der Geniestreich: Du schreist? Ich schweige! Du bewegst Dich übertrieben? Ich mache Slow Motion! Du verteilst (trampelnd!!!) tausend Flyer pro Sekunde? Ich verteile einen! Du tanzt mit Musik und Megafon? Ich mache einen Handstand in Stille!
So blieben wir (leidend!) auf der Linie unseres Stücks, und das, finde ich, war ein Sieg!
Dann, ab 2015, haben wir drastisch reduziert: teils aus körperlicher Müdigkeit, teils weil wir ein ausgezeichnetes Team für die Affichen hatten (Tazio, Camillas Bruder), und zuletzt (anmassend, ich weiss, sorry), weil wir merkten, dass es wenig nützte, da wir ohnehin immer ausverkauft waren.
2025 und 2026: Nie geflyert! (Aber das sagen wir niemandem!)

Instagram-Story der Compagnia Baccalà: Handstand auf einem Heuballen, Avignon 2026
Baccalà

4. Der Marathon und die Nerven.

Dasselbe Stück rund zwanzigmal in vier Wochen zu spielen, an sechs von sieben Abenden, ist ein mörderischer Marathon: einerseits für den Körper, mit Eurer extremen Akrobatik, andererseits, um Abend für Abend die Nerven zu behalten. Wie erlebt Ihr das? Was gibt zuerst nach, und wie schafft Ihr es, jeden Abend die Nerven zu behalten?

Es ist eine Präzisionsarbeit, die langsam gepflegt werden will, wie bei einem Schreiner, der einen schönen Tisch restauriert. Jeder von uns hat Rhythmen, denen er folgen muss: körperliche, vor allem aber mentale, und die der Ernährung.
Wir schützen uns vor den Geräuschen von aussen, wir versuchen, einen Faden aufzuwickeln, ohne zu stark daran zu ziehen, ohne zu rennen und ohne je auf das Ende zu schauen, auf das Ziel. Man pflegt den Tag, die Gegenwart.
Um zum fertigen Werkstück zu kommen, durchläuft der Schreiner Schritte, die er nicht überspringen kann: wir auch!
Was zuerst nachgibt, ist schwer zu sagen. Die körperliche Müdigkeit greift dann auf die psychische über. Und, glaube ich, umgekehrt.

5. Das Kostbarste.

Was ist für Euch das Kostbarste an diesem Avignon-Projekt? Nicht unbedingt das Schönste: das Kostbarste. In dem Sinn: Was glaubt Ihr zu erschaffen, zu geben oder zu hinterlassen?

Ich glaube, es sind die Energie und der Austausch mit dem Publikum, die wir täglich empfangen: etwas, woran ich bis heute fast nicht glauben kann. Wir rütteln wandernde Seelen auf und bringen sie ins Wanken, und das, glaube ich, ist unser Benzin; und das Kostbarste ist dann, die Erinnerung an jene Seelen mitzunehmen, die zufrieden sind, an uns gerochen zu haben. Dankbarkeit!

6. Fünf Adjektive für das Buch.

Ihr habt dieses wunderschöne Projekt, ein Buch zu machen. Wie stellt Ihr es Euch vor? Sag mir fünf Adjektive!

Ein Buch in fünf Adjektiven: Das wird ein ziemlich dünnes Buch! Hahaha!
Hier sind sie:

  • Mitreissend
  • Überraschend
  • Lustig
  • Das Gegenteil von traditionell
  • Flüchtiger Augenblick
  • Der Sonnenuntergang über dem Meer
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Ganz herzliche Grüsse,
und eine wunderbare Woche!
Markus


Note

  1. Théâtre du Chien qui Fume, 75 rue des Teinturiers, Avignon: eines der sechs festen Häuser der Stadt, ganzjährig geöffnet, 1982 von Gérard Vantaggioli gegründet und seither von ihm geleitet.

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Villa Ciani, der Spiegelsaal
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Zwischen Erinnerung und Imagination — Juli 2027

Fünftägiger Schreibkurs in der Villa Ciani, Lugano, 19.-23. Juli 2027. Auf Italienisch mit Patrizia Barbuiani und Markus Zohner. CHF 390, im Rahmen des LongLake Festivals. Die Anmeldung öffnet bald; die Warteliste ist offen.

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