Die tausend Stimmen des Lachens.
Zum Tod von Nando Snozzi
Nando stirbt, Du verwaist.
Es ist schwer, einfach weiterzumachen, immer weiterzumachen, diesen steinigen Boden versuchen zu pflügen und zu säen, dieses unendliche Feld, dessen Furchen in schnurgeraden Linien bis zum Horizont führen und am Horizont, der natürlich das Ende ist, auf den Himmel treffen.
Nando stirbt einfach. Geht ins Wasser, sein geliebtes Meer, schwimmt und tummelt sich und taucht in diesem Meer, das er immer wieder als sein Element bezeichnet hat, nicht das Wasser, sondern das Meer. Taucht wieder auf wie ein Wal, wie ein Delphin, schwerelos und glücklich, das salzige Wasser im Bart und in den Haaren und die Sonne Sardiniens auf der Haut. Als er nach seiner Zeit als Meeressäuger an Land geht, an die Luft kommt, wird er zu dem Riesen, der er ist, und sein Lachen das laute raue Lachen lässt die Luft erzittern und ergiesst sich als grosser Schall des Glücks über die Welt, über Pflanzen, Tiere und Menschen und verwandelt alles Pech, also alles, in Gold, in pures Gold. Die Schwerkraft nimmt ihn in ihre Gewalt und die Sonne unter ihre Strahlen, glücklich robbt er an Land, lacht, kugelt, die ganze Welt in seinem Lachen erstrahlt in Gold. Der erste Fisch, der das Wasser verlässt, um Ausschau zu halten, steht auf, schallend.
Etwas trifft ihn, ein mächtiger Schlag fällt den mächtigen Mann, und die Kraft seine unendliche Kraft bricht zerbricht und mit ihr das Lachen, das sich zerfaselt in tausend Stimmen in die tausend Stimmen der Gesichter seiner Bilder. Diese Gesichter, seine Gesichter, die nackten Lurche und Affen mit ihren steifen Gliedern, die Wölfe und menschlichen Schädel mit Ketten und Diamanten als Augen, die geschnäbelten Gasmaskenmänner und Generäle und Schlangen, die gekrönten Gockel und barbusigen Orakel neben der Sau und all die Zwischenwesen, seine Zwischenwesen, im ersterbenden Lachen Nandos beginnen zu flüstern zu schreien säuseln zu keifen zu heulen zu krächzen zu hauchen zu schnarren und zu lispeln, und für alle Ewigkeit werden sie, die von ihm an die Oberfläche ans Licht vor unser aller Augen gebracht worden sind weiterzischen und röcheln und zirpen und stammeln und grunzen und greinen und schnattern und gurgeln und raunen. Raunen. Weiterraunen immer weiterraunen.
Die Welt erglänzt endlich und für alle Ewigkeit in Gold, dem Gold seines Lachens seines Vertrauens seiner Kraft seiner Kunst. Seiner Kunst.
Und wir, seine Waisenkinder, müssen allein, alleingelassen, allein ohne ihn weitermachen, weiterpflügen, weitersäen, allein auf diesem harten, weiten Feld. Zum Glück sind da die Gesichter, seine Gesichter, die nackten Lurche und Affen mit ihren steifen Gliedern, die Wölfe und menschlichen Schädel mit Ketten, die zu uns stammeln und gackern und greinen und blöken und quäken, sind da, sind bei uns, mit uns, um uns zu beschützen vor der Kälte vor der Hoffnungslosigkeit vor dem Alleinsein, diesem schrecklichen, diesem eiskalten Mutterseelenalleinsein. Sind mit uns in alle Ewigkeit, geschaffen aus dem Gold seines galaktischen Lachens seines Vertrauens und an die Oberfläche gebracht ins Leben gestellt durch seine Kraft seine Kraft die Kraft seiner Kunst. Seiner Kunst.
Weitermachen. Weitermachen. Immer weitermachen. Pflügen, dieses unendliche steinige Feld, dessen Furchen in schnurgeraden Linien bis zum Horizont führen und am Horizont, der natürlich das Ende ist, auf den Himmel treffen.
Der Künstler Nando Snozzi ist am 19. August 2026 gestorben und hat uns als Waisenkinder zurückgelassen. Das kulturelle Leben des Tessins ist ärmer geworden: wir haben einen grossen Freund, Kollegen, Alliierten, Beschützer, wir haben einen wunderbaren Menschen verloren.
