In der Kurve des Schlauches
Ein fünfteiliges Gedicht über den inneren Käfig, fotografiert auf Schwarzweiss-Film
Dies ist der zweite Teil zur Serie Gestalten in Käfigen. Der erste Teil ist am 5. Dezember hier erschienen.
In der Kurve des Schlauches ist ein fünfteiliges Gedicht, das von dem in Das Foto angesprochenen inneren Käfig erzählt. Die Bilder wurden 2023 mit einer Nikon FM3A auf Ilford HP-5 Plus in München aufgenommen.
In der Kurve des Schlauches ist auch als E-Book erschienen und hier erhältlich. Kompagnons erhalten es kostenlos.

01 In der Kurve des Schlauches
*In der ersten Kurve des Schlauches steht Blut
Böses Rot verwässert zu orange.
Still! Weint nicht vor ihm.
Die Eltern
schon jetzt in Schwarz gekleidet
Der Vater nimmt den Hut ab.
Der Enkel blond.
Treten ein.
Der Vater
gebückt und von Grauen gewürgt, blickt auf den Sohn
der verlöscht.
Der Kranke hebt die Hand
erkennt sein Kind.
Es brechen
die Äste der Tanne unter dem Weiß.
Kein Jesuskind
Dritter Advent eines Winters der nicht mehr enden wird.
Kein Gebet
kein Geist aus hängenden Flaschen
wird ihn retten.
Die Eltern
in ihren dunklen Mänteln
zerbeissen die Tränen.
Schlucken das Blut ihrer Lippen.
Der zerfallende Schädel.
Riesige Augen
meinen das Kind
sprechen Rätsel
aus künftigen Welten am Ufer des Flusses.
Es
weint.*

02 Fürstenried West
*Zimmer Lampen Betten
wissen.
Türen Schilder Strassen
mit all ihren Autos
Schreien Bäume
wimmern geköpfte Margeriten
im geschorenen Gras
Weiterleben müssen
ist die schwierigste
aller Aufgaben.*

*Die vom bösen Onkel erhaltene Armbanduhr:
verloren.
Das von der guten Tante bekommene Buch:
nie geöffnet.
Die Mutter bemüht sich
der Zahnarzt
foltert nach den Regeln der Kunst.
Stiere Blicke vom Hügel hinab
Was ist?
Nächtliche Spritzlichter lecken
an Decken und Wänden
suggerieren Leben.*

03 Grundschule
*Umgeben von fremden kleinen Gesichtern
Jedes von ihnen hat mehr Ahnung als du.
Wie Ratten, die immer wissen
wo das Fressen
wo der Feind,
das Weibchen,
der Ausgang ist.
Und dir ist klar
du bist ihnen unterlegen.
Bist ihr Futter.
Gestern hattest du noch einen Beschützer.
Heute bist du allein.
Die Plattheit der menschlichen Seele
in dieser Brut
wird dich zerdrücken.*

04 Gymnasium
*Endlose Nachmittage in einem sich blähenden All
Raum und Zeit werden eins.
Dehnen sich
in der gebremsten Geschwindigkeit
des milchigen Lichtstrahls.
Ich gehe
durch moleküllose Zeit
Zwischen Brocken verätzter Materie.
Heisenberg ist was er sieht,
und sieht was er ist.*

*Die Angst vor den Feinden
mit ihren Schlagringen und Fahrradketten
und ihren Angelschnüren zum Erhängen von Katzen
schiebt mich durch endlose Umwege
von der Schule in die nachmittägliche Öde
der leeren Wohnung.
Mädchen aus fernen Galaxien
bleiben stumm
senden keine Lebenszeichen
oder
ihre Signale werden nicht empfangen.
Der gelbe Fluß der Fruchtbarkeit
schwemmt fort durch die neu gelegten Kanäle.
Jeder Schritt ein Schritt fort vom Licht
Jeder Tag ein Tag mehr ohne
Jeder Herzschlag.
Aus Kohle und Sprengstoff und Blei
baue ich eine Rakete
zum Mond.
Ihre Detonation reißt einen Krater
in den Acker
am Denkmal für Krieger.*
05 X
*Die unsichtbaren Sterne aus Wasserstoff, Helium und Licht
mit all ihren Planeten aus Bergen und Tälern
und Meeren und Haien
Schlinggewächsen und Skorpionen
und die sichtbaren
rasen um das Schwarze Loch
unendlicher Dichte
das die Brust aufgerissen hat
des Kindes.
Eins nach dem anderen stürzen sie hinein
seither
Alpha
Beta
Gamma
X*
